Seid Gegrüßt
 
  Wir sind !
  Der Weg zu uns
  Unsere Drachen
  Bilder aus dem Mittelalter
  Sitten im Mittelalter
  => Zu Tisch
  => Das Liebesleben
  => Die Ritterlichen Turniere
  => Geburt, Taufe und Säuglingspflege
  Für die kleinen Recken
  Leckeres von dazumal
  Gästebuch
  Bogen und Armbrustsport
  Unsere Stadt und Umgebung
  Bilder von Freunden
Die Ritterlichen Turniere
Die ritterlichen Turnierezurück
Die ritterlichen Turniere
      Die Turniere wurzeln in dem geschichtlichen Umstande, daß dadurch das
      militärische Bedürfnis de fränkischen Monarchie der alte germanische
      Fußheerbann fortschreitend umgebildet wurde in ein Reiter- oder
      Ritterheer. Schon aus den älteren Jahrhunderten des mittelalterlichen
      Imperiums hören wir hier und da von festlichem Reiterspiel. Allerdings nur
      spärlich und in knappen Worten.Die Quellen dieser Zeit werden so gut wie
      ausschließlich von Geistlichen und aus deren Interessenkreisen heraus
      geschrieben. Deshalb dürfen wir auch annehmen, daß es solche Übungen und
      Veranstaltungen doch häufiger gegeben haben wird, als Anlaß gefunden
      wurde, davon zu berichten. Die eigentlich sportmäßige Ausbildung beginnt
      mit dem XII. Jahrhundert, und nun auch das vielfältige Erzählen und Sagen.
      Hier war die Zeit, da alles Ritterwesen durch den allgemeinen Umschwung
      von asketisch-weltverneinender Gesinnung zu kraftbewußten Leben und durch
      die Gunst eines westlich zielvollen Kaisertums sich reich und farbig
      entfaltete.
      Nun erblühten im ganzen abendländischen Europa weltliche, in der
      Laiensprache geschriebene Literaturen, die sich mit allem bunten und
      phantastischen Inhalt dieses neuen höfischweltlichen und rittermäßigen
      Treibens erfüllten. In der besonderen deutschen Geschichte vollzog sich
      die Ablösung der bisherigen kirchlich-lateinischen Kultur durch eine
      weltlich-französische. Die deutsche Bildung fühlt nun einmal in einer
      Weise, die es keinen Zweck hat zu leugnen, sich am wohlsten und
      sichersten, wenn sie sich auf ein anerkanntes fremdes Vorbild stützen und
      nach diesem richten kann. So verstehen wir es, wenn die ritterliche Sitte
      in allem sich französische Formen zu geben, coutois zu sein bestrebt ist,
      und wenn uns in besonderen in der Ausbildung der ritterlichen Spiele das
      französische Muster und die zurechtgemachten wälschen Benennungen
      begegnen. Ist doch der Ausdruck "Turnier" so gut französisch wie alles
      einzelne, das dazu gehört.
      Ausgang des Turnierwesens bleibt, wie gesagt, die ernsthafte Vorübung für
      den Krieg. Sie umfaßt die Probe sowohl auf das Können des Einzelnen, wie
      auf die Ordnung und Gesamtdisziplin der im dichten Anprall aufeinander
      stoßenden Reiterscharen. Der Kampf zweier einzelner Reiter, ihr Anrennen
      gegeneinander ist der Tjost; dagegen ist Buhurt das Manövieren der Schar,
      das zunächst ohne eine aufgestellte feindliche Abteilung geübt wird. Auch
      diese feinere, kunstmäßigere Art des einseitigen Buhurts ist oftmals bei
      Festlichkeiten geübt worden. Hauptsächlich im staufischen Zeitalter, in
      der Zeit der großen Epen, welche denn auch diese Bilder in ihre
      Erzählungen einflechten. Aber das rechte Turnier im engeren Sinne, so wie
      es sich spätmittelalterlich entwickelt hat, das ist die zusammenfassende
      Steigerung von Tjostieren Einzelner zu dem Anreiten und Kämpfen zweier
      gegeneinander gewachsener Scharen, also das glänzende, regelhaft
      ausgestattete Friedensbild eines wirklichen Reitergefechtes.
      In ihrem ganzen Wesen nach war die staufische Zeit darauf gestimmt, aus
      allen, auch den ensteren Dingen, immer zugleich ein Fest zu gewinnen. Ein
      Lebengefühl sondergleichen, ein wahrhafter Taumel weltlicher Lust und
      Freude geht durch diese Zeit, die den jahrhundertelangen Bann der
      hierarchischen Dumpfheit, der Verzicht auf alle freien Lebensbetätigung
      abgeworfen hat und die nach so tiefem Ausruhen aller frohen Regungen nun
      diesen um so stärker und triumphierender sich überläßt. Diesen Sinn
      ermuntert, nährt und beschäftigt das staufische Kaisertum, das im
      weiterwährenden Kampfe gegen die fremde Obergewalt der kirchlichen Kräfte
      verharren muß. Mit voller Absicht pflegt sie den neuen
      weltlich-ritterlichen Sinn und mit vollem, reichem Erfolge. Bis dahin
      hatte das Kaisertum, außer gegen die Kirche, auch gegen die heimischen
      fürstlichen Gewalten und deren bewaffnete Aufgebote zu rigen gehabt. Nun,
      indem es über alle anderen Zeitgedanken das Standesbewußtsein eines
      umfassenden und einigenden Rittertums erhöhen hilft, zieht es zum
      erstenmal wieder nach langer Zeit die ganze Lehnswelt unter die direkt
      empfundene kaiserliche Führung zu sich herüber.
      Am durchschlagendsten müssen eine solche Politik und Psychologie Friedrich
      Barbarossas und seiner Sohnes Heinrich VI. ihre Wirkung auf die einfachen
      Ritter üben. Für sie, die ehemaligen berittenen Dienstknechte, ist eine
      ganz andere Lebenswelt aufgegangen, seit das neue Standesbewußtsein ihnen
      vergönnt, zum Kreise des Lehnsadels, wenn auch in unterster Stufe, zu
      gehören, seit sie sich dazu erheben dürfen, den Kaiser selber als den
      ersten von ihnen allen zu betrachten. Und gar, seit sie sehen, wie der in
      Italien ordnende und umformende Kaiser den erprobtesten seiner
      staufischenRitter, einfachen Ministerialien, die weder Grafen noch
      Freiherren sind, ganze Markgrafschaften und Herzogtümer zu verwalten gibt.
      ein jeder kleine Reisige hält sich in seinen letzten Gedanken wie ein
      direkter staufischer Ministrerial, auch wenn sein besonderer Dienstherr
      dieser oder jener Reichsfürst oder Graf ist. Der Kaiser ist schlechtweg
      der Herr aller Ritter, und keinem Stande gehört wie diesem die Welt,
      stehen so alle Möglichkeiten offen; nur tapfer und voll aufstrebender
      Kühnheit braucht man zu sein, dann winken Ehren und Glück und Lohn, dann
      muß sich zeigen, daß immer, so sagt das Sprichwort dieser Zeit, "wer ein
      goldenes Roß am Zügel hält, es schon besitzt".
      Das ist dieses Stauferjahrhundert – rund gesagt von 1150 bis 1250 – mit
      seiner sich überbietenden ritterlichen Wagelust, seiner bunten
      Aventiurefahrt, seinem heißen Begehren nach Hervortun und Auszeichnung,
      und daher auch dem ehrgeizigen Wettsinn von Kampfspiel und Turnier. Dann
      aber kommt eine andere Zeit. Das Kaisertum der Staufer steigt ins Grab,
      und nach dem Interregnum ist die lebendige kaiserliche Spitze eines sich
      einheitlich, ungeschieden fühlenden Rittertums ein für allemal dahin.
      Desto bedachtsamer sorgt die Landesherrlichkeit der einzelnen Fürsten,
      ihre Ritter in geengtem und gänzlich phantasielosem Gehorsam zu halten.
      Jeder einzelne Ritter spürt es, wie der alte Mittelpunkt der Freigebigkeit
      und des Karrieremachens ersatzlos verloren ist. Lebensmühsal und Sorge,
      hochgebürdete Verpflichtungen und Schulden gehen in den Burgen der Ritter
      um, Glück und Gedeihlichkeit haben sich von dem landsässigen Adel
      abgewandt. Die sind jetzt vielmehr bei den Städten, die gleichfalls, wie
      die Fürsten, erst durch den Untergang des höfisch-staufischen Imperiums so
      machtvoll und zukunftsicher geworden sind. Der Bürger, auf den der Ritter
      mürrisch herabsieht, der hat in vollen Maßen, was diesem fehlt; vor dem
      liegt nunmehr die verwandelte Welt offen, jetzt sieht der die Länder und
      befiehlt wie ein großer Herr, hat Reichtum und Gewinn. Bei ihm in der
      Truhe dauert allzumeist der mit schwerem Zins belastete Schuldzettel des
      Ritters, und wenn der Städter es braucht, so schätzt sich der trotzig
      tuende Ritter noch heimlich froh, unter dem Fähnlein der Stadt zu reiten.
      Aber das Belustigende dieser sozialen Wandlung ist, der reiche Bürger
      möchte nun am liebsten den Ritter spielen, über den er doch höhnt und
      lacht. Der Deutsche ist einmal kein Demokrat. Sobald er emporkommt, als
      einzelner oder als Stand, streift er die geringere Haut ab, will von
      nichts weniger als von allgemeiner Gleichheit wissen und tut vielmehr
      genau wie die Schichten, die bisher für ihn die oberen waren. Die
      Geschlechter oder Patrizier in den spätmittelalterlichen Städten sind wohl
      teilweise, aber keineswegs alle, ursprüngliche Ritter, die vorzeiten unter
      den Bürgern ansässig geworden. Im ganzen sind sie eine eigene, aus den
      städtischen Tatsächlichkeiten, nämlich aus den Ratsfamilien
      zurechtgewachsene Schicht. Aber nun haben sie ihre Festhäuser, so
      stattlich wie nur je ein Palas in den alten Fürstenburgen war, und die
      Geschlechtersöhne halten eifrig ihre "Grale", wie sie ihre Feierlichkeiten
      und städtischen Turniere – unter sich – benennen. Gerade sie, während der
      Ritter verbauert und nur in Ausnahmen lesen und schreiben kann, lesen
      jetzt die ritterlichen "Aventiuren" und "Romane" der höfischen Zeit und
      lassen sich diese Handschriften von städtischen Meistern der Kunst mit
      Miniaturbildern auszieren. Sie selber dünken sich jetzt den reichen König
      Artus und die Tafelrunde geworden, und weithin im Osten bis Thorn und
      Danzig nennen sie ihre Kasinos direkt den Artushof.
      Nur an eines kommen sie doch nicht recht heran, nämlich an die großen
      öffentlichen Turniere der älteren Kreise. Natürlich versuchen sie es. Aber
      hierin sind Kaiser, Landesfürsten und Herrenadel einig, hierin bleiben sie
      schwierig und unzugänglich, so klug sie sonst verhüten müssen, daß die
      Stadtherren ihrerseits zugeknöpft werden, nämlich mit ihrer Tasche. Wohl
      lesen wir in städtischen Chroniken von Turnieren einzelner, den Patriziern
      verpflichteter Fürsten mit deren Söhnen. Wäre solches
      Gelegenheitsturnieren mit den reichen Städtern nicht eingerissen, so
      hätten die alten Kreise auch keine Gegenmaßnahmen getroffen. Zu diesen
      gehört es, daß sich erstlich im XV. Jahrhundert zahlreiche
      Turniergesellschaften des Landadels bildeten, unter mannigfaltigen, von
      irgend einem Abzeichen genommenen Namen. Sie waren ausgedrücklich zu dem
      Zweck organisiert, den Turnieren wieder einen exklusiveren charakter zu
      geben und auf strenge Ahnenprüfung zum Erweis der Turnierfähigkeit zu
      halten. Ferner wurden bei Gelegenheit größerer Adelsfeste, wo zahlreiche
      Fürsten anwesend waren, Verabredungen und Bestimmungen getroffen, wie 1481
      auf einem Turnier zu Heidelberg, wo die pfälzischen Kurfürsten
      residierten: daß niemand, der irgendwo Stadtbürgerrechte habe, zum Turnier
      zugelassen werde, wenn er sein Bürgerrecht nicht zuvor aufsage; wenn er
      dieses dann nachträglich wieder aufnähme, so habe er für künftig seine
      Turnierfähigkeit dauernd verwirkt. Die Turniere des Kaisers und der
      Fürsten sollen dem hohen Adel und den um die Höfe gruppierten burgsässigen
      Rittern vorbehalten bleiben; um ihretwillen wird ein Querstrich durch die
      soziale Gliederung hindurchgezogen, der nicht ganz dem sonstigen Verhalten
      entspricht, indem er radikal nach Land und Stadt unterscheidet. Offenbar
      war ein wesentlicher und kein übler Beweggrund auch der, daß man eben das
      viele Geld fernhalten wollte, welches sonst nicht bloß die selbständig
      auftretenden Ritter, sondern am Ende sogar die veranstaltenden und
      mittuenden großen Herren überboten haben würde. Aber der Kampf gegen die
      Tatsächlichkeiten bleibt immer ein schwieriger, auf die Dauer
      aussichtloser. Als im XVI. Jahrhundert die hochgeborenen Herren sich
      glücklich priesen, eine Fuggerin oder Welserin zur Ehe zu erlangen und
      schon damals die Wappenschilder aus bürgerlichen Mitgiften vergoldet
      wurden, da war es nicht mehr möglich, bei den zu diesen Hochzeiten
      veranstalteten Turnieren die engverkettete Gesippschaft der
      Patrizierfamilien fernzuhalten.
      Ihre späte Blütezeit erreichen die Turniere unter dem Kaiser Maximilian.
      Aus dieser Zeit kennen wir sie auch am besten, können in all die subtilen
      Differenzierungen hineinsehen, die sich allmählich herausgebildet hatten.
      Gerade diese, so verschollen sie uns heute sind, wurden zu jener Zeit
      hochwichtig genommen und waren den zugehörigen Kreisen des Turniersports
      genau so eingeprägt, wie etwa ein neuerer Verbindungstudent mit
      Mensurpraxis und mit Farben und Zirkeln Bescheid weiß. Denn reiner Sport,
      und zwar sowohl Prunksport wie Gewinnsport, war nun längst das ganze
      Turnierwesen geworden. Mit der sachlich aufgefaßten Waffenübung für den
      Krieg hatte es gar nicht mehr zu tun. Im Gegenteil: eben durch die allzu
      einseitige Ausbildung für das Turnier sind verschiedene mit Rittern
      geführte Feldzüge jämmerlich zuschanden geworden, überall dann, sobald
      ihnen ein Feind gegenübertrat, der. wie die Eidgenossen oder die Osmanen,
      nicht gleichfalls an die beschränkte und vielbehinderte Kampfweise der
      Ritter gebunden war. Das Turnierwesen hat den erheblichsten Anteil daran,
      daß von der Zeit Maximilians ab das alte Rittertum überhaupt beruflos
      ward, daß es mehr denn je in die sorgenvollste Lage von allen Ständen
      geriet und daß der große Krieg so gut wie gänzlich an die neuen
      Waffengattungen überging. Man hat Maximilian I. den letzten Ritter
      genannt, und er ist dies auch mit dem phantasievollen und dekorativenn
      Teil seines Wesens; wenn man aber diesen vielspältigen Kaiser in seiner
      tüchtigeren, moderneren und wichtigeren Bedeutung bezeichnen will, so
      steht er gerade im Gegenteil als der Durchbildner der Landsknechtstums in
      der deutschen Geschichte, als der erste königliche Soldat.
      Mit besonderem Nachdruck möchten wir alle kulturgeschichtlich sich
      interessierenden Freunde des Turnierwesens aufmerksam machen auf die
      schönen authentischen Bildermaterialien nebst wissenschaftlichen Text,
      welche seit Jahrzehnten in dem Verlag von Heinrich Keller in Frankfurt
      erschienen und höchst geeignet sind, eine Zierde vornehmer
      Privatbibliotheken zu bildem. Darin gehört vor allen Dingen Hans
      Burgkmairs (des jüngeren) Turnierbuch, ein koloriertes Pracht-Manuskript
      im Besitz des Fürsten von Hohenzollern, das der vielverdiente, kürzlich im
      hohem Alter gestorbene v. Hefner-Alteneck in Kupferstich und sorgfältiger
      farbiger Handmalerei1853 herausgeben hat. Ferner das mittelalterliche
      Hausbuch, wie es mit gutem neuen Titel bezeichnet wird, aus dem Besitz des
      fürstlichen Hauses Waldburg-Wolfegg, eine schöne Handschrift des XV.
      Jahrhunderts, worin mit zeitgenössischem Text und stattlichen Bildern
      ungefähr alles behandelt wird, was eben zu Kultur und Praxis ritterlicher
      Hauskunde und Lebensführung in jene Zeit gehörte, von Latwergen und
      Rezepturen bis zur Büchsenmeisterei. Sein Herausgeber (1887) ist
      Essenwein, der vieltätige frühere Direktor des Germanischen Museums.
      Essenwein hat auch den großen Holzschnitt des Hans Tirol herausgegeben
      (1887), worin die Belehnung König Ferndinands I. mit den österreichischen
      Erblanden durch seinen Bruder Kaiser Karl V., 1530 auf dem Felde bei
      Augsburg, nebst den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Kampfspielen und
      Turnieren dargestellt ist. Endlich sei ergänzend auf das letzte
      Hefner-Altenecksche Werk hingewiesen: Waffen, das 1903 wie alles genannte
      gleichfalls bei Heinrich Keller, erschienen ist. Zu diesen Materialien
      gesellen sich dann noch mancherlei Einzelblätter der zeichnenden und
      reprodzierenden Künste.Zwar in bildlicher Beziehung werden unsere Quellen
      erst reichlich zur Zeit der Turnierpflege unter Maximilian. Es war dies
      eben die Zeit, da selbständig eine von den Bestellungen andächtiger und
      frommer Stifter, also von dem kirchlichen und legendarischen
      Darstellungskreise sich ablösende Kunst erblühte und, weil sie weltlich
      auf eigenen Füßen stehen wollte, entsprechend naxh weltlichem Brote suchen
      gehen mußte. Das taten diese Augsburger und sonstigen Meister auf die
      Weise, daß sie fürstlichen Teilnehmern bedeutender Turniere ihre
      handschriftlichen und handgemalten Prachtdarstellungen der betreffenden
      Festlichkeit oder auch der verschiedenen Gattungen des Turnierens widmend
      überreichten, mit dem Ziel einer anständigen "Verehrung", die im Fall der
      Annahme vorausgesetzt werden konnte.
      Zu Einführung für heutige Leser und Betrachter dieser Prachtwerke der
      deutschen Reanissance erscheint es wichtig, zunächst ein Bild des
      Turnierwesens in ganzen zu geben und die geschichtlichen Züge darin
      deutlich zu machen.
      Im XII. Jahrhundert finden wir die großen höfischen Festspiele in ihren
      hauptsächlichen Formen bereits geregelt, und zwar so, daß Formen und
      Bedingungen bei den verschiedenen westlichen Nationen die ungefähr
      gleichen, nämlich die französischen, waren.Ein Turnier kam dadurch
      zustande, daß ein großer Herr brieflich oder durch mündliche Botenmeldung
      einlud, die erheblichen Kosten auf sich nahm und Preise aussetzte. Die
      Märchen in den Volksbüchern und die Dichter erzählen dann wohl, wie des
      Königs holdseliges Töchterlein den Preis mit ihrer Hand und natürlich mit
      dem Königreich gebildet habe, oder in anderen Fällen, daß ein Kuß der
      allerschönsten Königin oder Prinzessin der süße Lohn des Siegers gewesen
      sei. In der geschichtlichen Wirklichkeit begegnen statt dessen schöne
      Falken oder Windhunde, seltene Tiere, ein Gürtel, eine Tasche, oder auch
      Preise, die noch deutlicher reiner Ehrenpreis sind, etwa ein Kranz, den
      vornehme Hand geflochten hat. Neben solchen Zierlichkeiten nimmt es sich
      recht seltsam aus, aber paßt darum nicht minder zu dieser verkünstelten
      und französelnden Zeit mit ihrem beständigen Durcheinander von
      überzärteltem Schmachten und begehrlicher Sinnlichkeit, wenn schlankweg
      eine schöne hörige Dirne für den Sieger ausgesetzt wird. Derlei mag
      vielleicht in Vermengung mit jenem Kränzen den immer idealisierenden und
      immer am alleranständigsten denkenden Volksdichtungen Anlaß zu dem
      Erzählen von den Königstöchtern gegeben haben, die der Sieger erringt. Die
      nüchterne Prosa des Geldes ward also bei diesen Preisen vermieden; sie kam
      aber anderweitig zu ihrem Recht. Die Teilnehmer ihrerseits hatten ein nach
      ihrem Range abgestuftes Einkaufsgeld als Kostenbeitrag zu entrichten. Z.
      B. zahlen nach König Richard Löwenherz` Festsetzung in England am Ende des
      XII. Jahrhunderts die Grafen zwanzig Mark Silbers, die Ritter mit
      allodialem Eigengut vier und endlich die armen Ritter, die nur Dienstlehn
      haben, zwei. Bei derart beträchtlichen Einsätzen ahnt der Leser schon die
      Wahrscheinlichkeit eines materiellen Gewinns. Er bestand darin, daß dem
      Sieger Roß und Rüstung des Überwundenen zufielen oder zu anderen Malen
      auch wohl der Besiegte in leiblicher Person, der sich dann durch Lösegeld
      freikaufen mußte; wenn er das nicht konnte, so durfte er sich doch darauf
      verlassen, daß es mit saurer Miene sein Lehnsherr für ihn tat.
      Ob diese schwere Buße des Unterliegenden von Anfang an dazugehört hat,
      wissen wir nicht genau. Denkbar wäre es wohl; sie würde nur jener
      naivkonsequenten Denkweise – wer unterliegt, hat verspielt – entsprechen,
      die allgemein durch die alten Rechtsanschauungen geht und die, abgesehen
      vom gerichtlichen Zweikampf, auch zum Ausdruck kommt durch die Tötung der
      Freier im Epos und im Märchen, wenn sie ihre Probe unglücklich bestehen.
      Etwas für sich ist eine Erscheinung, die sich kulturgeschichtlich fast
      immer aus dem Sport entwickelt, sowohl aus dem althellischen und
      römischen, wie aus dem ganz modernen: daß relativ früh aus dem recht
      Turnierwesen eine Gattung von Spezialisten entsteht, die dasselbe zum
      gewinnbringenden Lebensberuf machen und als rastlose Kämpen von einem
      Festplatz zum andern ziehen. Die Redewendung von den Handwerksburschen,
      die sich von Ort zu Ort "fechten", hängt mit dem gelinden Spott über diese
      reisenden Turnierritter von Beruf noch zusammen. Aus der Buße und Lösung
      des Besiegten erklärt es sich ferner, wenn wir die Turnierritter es darauf
      anlegen sehen, mit möglichst vornehmen Herren stechen zu dürfen und diese
      zu Fall zu bringen. Gar den Herrn König recht königlich zahlen zu lassen,
      daraus macht man sich selbstverständlich keine Bedenken seinerer
      Selbstachtung in einer Zeit, die so offenherzig auch die klingenden
      Geschenke hoher süßer Frauenliebe und vieledler milder Herrinnen preist.
      des Königs Mißgeschick im Turnier wird daher von den Chroniken mit
      geziemtem Vergnügnung erzählt, und die bildlichen Schilderungen versäumen
      nicht, das Ereignis mit einer Plastik darzustellen, um welche die
      neuzeitlichen, photographischen Tageskultur gewidmeten
      Unterhaltungsblätter kummervollervollen Neid empfinden müssen.
      Aber wie alles seine Überwindungsform in sich selbst trägt, so ergibt sich
      ebenso leicht der starke Impuls dieser ursprünglichen Naturen eine
      unbekümmerte und gefallsüchtige Generosität, die man heute in solchem Maße
      höchstens noch bei geringeren Leuten und Verliebten findet.Mancher, der es
      gar nicht nötig hatte, verzichtete hochmütig auf Beute und Lösung eines
      gleichgestellten Gegners oder warf sie mit lachender Geste den Spielleuten
      hin. Und wiederum gab es jene Spezies von Romanhelden mit den ewig
      rosenfarbenen Herzen, die den Besiegten ziervoll vor die Dame ihrer
      heimlichen oder auch unheimlichen Gedanken brachten, damit sie die Lösung
      hinnehme oder allenfalls den großmütigen Verzicht ausspreche. Die Damen
      aber saßen mit erwartungsvoll geröteten Wangen und "spielenden Augen" da
      und kochten in ihren Herzen vor Enttäuschung und Ärger, wenn einer Rivalin
      in Schönheit und Bewunderung ein derartiger Triumph in den schoß geworfen
      wurde.
      Als Turniersport bestimmt wurde seit dem XII. Jahrhundert, gerade wie für
      Reichstage und sonstige Versammlungen auch, immer schon eine Stadt, also
      kein ländlicher Pfalzort mehr. Nur die eigentlichen Festlichkeiten wurden
      draußen auf dem grünen Plan abgehalten und dort die nötigen Zelte und
      Tribünen errichtet. Auf die empfangene Ansage zogen Fürsten und große
      Herren mit ihren Rittern, Edelknechten, Knappen, Pagen und sonstigem
      Gefolge herbei und pflanzten vor ihre Herberge in der Stadt ihr
      Wappenbanner auf. Aber auch sonst kam viel Volk von auswärts, Kaufleute,
      Budenhändler und Geschäftemacher aller Art. Und namentlich kamen die
      Spielleute, die zu allem, was es in dieser Zeit gibt, Poetisches und
      Banales, Hohes und Kleines, Kaiserliches und Lokales genau so dazu
      gehören, wie heute die Jounalistik, deren rechte Vorläufer sie zu einem
      Teil ihres vielseitigen Berufs und Wesens sind. Die Spielleute sind die
      eigentlichen Stimmungsmacher der Turniere. Von vornherein kommt es für das
      Auftreten der Herren in der Feststadt darauf an, ob die Spielleute in
      geräuschvolle Bewillkommnung des Einzelnen ausbrechen oder sie in eisiger
      Verleugnung nie von ihm gehört haben. denn damals wie heute hat das Wort
      "der 'bekannte' so und so" die Zauberwirkung, bei dem Hörer die
      Bildungspositur aufzurichten. Und wenn der Betreffende, mit
      dessenVortrefflichkeit und Ruhm man wichtig tut, es geschickt angefangen
      hat, so pflückt er noch das Lob der persönlichen Bescheidenheit und
      Unschuld obendrein. Nach alledem bekamen nicht bloß die unbemittelten
      Ritter oder die von ihrer Beute nichts hergeben mochten, sondern auch
      solche, die mit einer vornehmeren Sachlichkeit glaubten ohne Spielleute
      fertig werden zu können, ihre Lage bald sehr fühlbar zu werden.
      Aber die Beteiligung der Spielleute an den Turnieren ist damit bei weitem
      nicht erschöpft. sie sind nicht bloß das feinempfindliche Mundstück der
      Fama, sondern auch die wirklichen Musikanten, die Bläser und Pfeifer bei
      den abendlichen Lustbarkeiten und am Turniertag. Sie sind die Ausrufer,
      die man bestellt, die Krigierer oder Kroijierer, Kroyer (vom französischen
      crier), die als solche das gedruckte Programm und Namenverzeichnis
      ersetzen, das man heute an die Zuschauer verteilt. Mit dieser
      gewissermaßen amtlichen Funktion verträgt es sich zu jener, immer noch
      viel mehr humoristisch als feierlich aufgelegten Zeit ganz wohl, wenn sie
      die Possenmacher bleiben, die mitten zwischen den Rennen herumlaufen und
      ihre formelhaften Redensarten vorbringen, ganz wie die Clowns im Zirkus.
      So wenig wagte man diesen Leuten auf die Finger zu klopfen, daß man, bei
      aller sonstigen Regelrechtigkeit und allem ritterlichen Anstand der
      Turniere, es doch duldete, daß die Spielleute zugunsten ihres Helden den
      anreitenden Gegner anschrieen: "Wichâ, Hêre, wichâ!", um ihn womöglich zu
      verwirren. Beständig sind sie in ihren Hanswursttrachten um die Kämpfer
      herum, bald wie ärgerliche Fliegen, bald wieder als rasch beispringende
      Helfer. Ganz ungefährlich war das natürlich für sie nicht. Nicht selten
      sind versehentlich verwundete oder getötete Spielleute aus den schranken
      getragen worden, auch wohl dadurch, daß im Massengefecht, im sogenannten
      Feldscharmützel, wovon wir noch zu sprechen haben, der im Helm steckende
      Ritter den zu ihm haltenden Spielmann, der an Sattelung oder Rüstung etwas
      zurechtrücken wollte, für einen von hinten kommenden Gegner hielt und nach
      dem Ungeschützten schlug.
      Aber auch mit dem erschöpft sich die Betätigung der fahrenden Leute bei
      den Turnieren noch nicht. Durch ihre vielfältige Praxis wußten gerade sie
      mit den Turnieregeln und allen Perrsonalien hervorragend gut Bescheid,
      nicht anders, um das gute studentische Analogon noch einmal heranzuziehen,
      wie die Diener der Verbindungen in einer kleinen Universitätsstadt, die
      sich von Kindesbeinen an um "die Herren" gekümmert haben und immer bei
      allen Mensuren dabei gewesen sind. Wie sich manche Ritter aus den
      Turnieren ihren nbesomderen Beruf, Ihre Spezialität machen, ganz ähnlich
      auch manche Spielleute. Sie werden echten "Persevanten" (poursuivants) der
      Turnierplätze und bringen ihre Fachkenntnis geschickt zur Geltung. Daher
      gehen aus ihnen im Laufe der Zeit , durch die Typisierung alles
      Drumunddran, die Wappenherolde und die "Wappendichter" hervor. Als
      letztere sollen sie den anwesenden vornehmen und geringen Zuschauern in
      sachlicher und amüsanter Weise die Wappen und namentlich die willkürlich
      gewählten Abzeichen erklären, welche sich die Wettkämpfer beilegen; die
      Dienstleistung als Theaterzettel, die sie zuerst auf eigene Faust geübt
      haben, empfängt damit eine amtliche Stilisierung.
      Ehe der eigentliche große Turniertag anhob, tummelten sich an den Tagen
      vorher die Ritter in Einzelstechen, im Tjostieren, herum. Altertümlich
      klingen die dabei verwendeten Rufe, nicht nur, weil man auf das
      hergebracht Formelhafte hielt, sondern besonders deswegen, weil die Rufe
      aus dem nahezu gänzlich geschlossenen Turnierhelm herauskamen und man
      daher starke klingende Vokale brauchte; diese sind es, die den
      formelhaften Ritterrufen des späten Mittelalters eine ungesuchte
      Verwandtschaft mit der ungebrochenen Tonfülle des verschollenen
      Althochdeutsch geben. Mit langhin hallendem
      Wânu–, wânu–wâ
      Ein Ritter der Tjostierens gêêre?
      Der sol komen hêrahêêre...!
      forderte der in die Schranken reitende Kämpfer seinen Gegner heraus, und
      wie er sich stellte, sprengten die beiden zum "Puneiz", zum Zusammenprall,
      aufeinander los. Ursprünglich war das Ziel, den Gegner durch richtig
      geführten Stoß auf die Schildnägel (nämlich dort, wo die inneren
      Haltriemen des Schildes vernietet waren) oder auch durch den Stoß unters
      Kinn, wo der Helm fest auf den Brustpanzer aufgeschraubt war, aus den
      Sattel zu werfen. Sodann aber gesellten sich allmählich die mehr
      spielerischen Rennen hinzu, bei denen man begnügt war, den entweder runden
      oder auch tartschenförmigen, d.h. eckigen Schild des Gegners zu
      zersplittern. Zu diesem Zweck, um den Reiter selber vor dem Fallen zu
      sichern, wurde der Sattel hochgeschlossen gemacht, auch wohl noch mit
      eienr deckenden hohen Vorderwand versehen. Bei dieser verstärkten
      Widerstandfähigkeit der beiden Gegner wurde in der Regel eine ganze Anzahl
      von Lanzen verstochen, ehe es zu einem Ergebnis kam. Überhaupt brachten
      die Ritter einen größeren Vorrat an Speeren mit, und die es am eifrigsten
      vorhatten, führten ganze Wagenladungen heran. Während des Rennens waren
      die Diener und die zumeist noch besser geünten Spielleute zu Fuß in der
      Nähe und brachten auf den lauten Ruf des Herrn: Spêrâ hêêre! neue herbei.
      Durch diese Art von Sattel und Rüstung kamen die Ritter zu Gewöhnungen,
      die im ernsten Gefecht des Krieges versagen mußten. In der gesunden
      staufischen Zeit ahtte man für das Turnier noch die feldmäßige Ausrüstung
      gebraucht; im späteren Mittelalter aber wurde eine sachliche und gemäß den
      Zeitverhältnissen fortschreitende ritterliche Waffentechnik mehr und mehr
      über dem Interesse für die komplizierten Turnierrüstungen und über der
      dekorativen Zutat vernachlässigt. Aus Frankreich kam im XV. Jahrhundert
      die Sitte des Stechens "übers Diel" – auf oder über die Diele. Das
      bedeutet, über eine feste Schranke hinweg, gegen die die Ritter von beiden
      Seiten anstürmten, schräg, einander die rechte Seite zukehrend, so daß
      also der Moment des Stoßes mit einem geschickten Weglenken zusammenfallen
      mußte. Die Lanze hatte, wo die Hand sie hielt, vor dieser einen breitenm
      scheibenartigen, kegelförmig nach vorn verlaufenden Aufsatz. Ferner wurde
      die Lanze, in der Spätzeit der Turniere, in zwei Haken eingelegt, die vorn
      und hinten an der Rüstung befestigt waren, und zwar so, daß bei den
      schrägen Einlegen der hintere Haken den Schaft von unten und der
      vordereihn von oben aufnahm. Bie dem starken vorderen Übergewicht der
      Lanze lag diese dann von selber waagerecht. Durch alles jenes zusammen,
      durch die schwere, von der Brust zum Helm vernietete Rüstung, den
      gewaltigen Satte und seine Erweiterungen, die fest "eingelegte" Lanze
      entstand ein unbeweglicher Reiter, der nur durch die Richtung des Anlaufs,
      nicht mehr durch ein freies Zielen den Stoß führen konnte. Die Pferde
      waren starke, feurige Hengste. Ihnen wurden in der späteren Zeit auch die
      Augen durch die panzernde Stirndecke geschlossen, abgesehen von der
      gewöhnlich über den ganzen Kopf und Leib des Pferdes wallenden prächtigen
      Decke.
      Darauf aber müssen wir verzichten, den modernen Leser noch wieder näher
      einführen zu wollen in alle die verwickelten Unterschiede des Tjostierens
      und Turnierens, wie sie sich bis zur Zeit Maximilians herausgebildet
      haben. Da gibt es, um nur einiges zu nennen, da "gemain Scharffrennen"
      (mit kurzer Spitze der Lanzen), das Buntrennen, das Offenrennen, das
      geschift Scheibenrennen, das wälsche Rennen in dem Armetin (einer
      bestimmten Helmart), das löblich gemain deutsch Stechen (mit dem Krönlein,
      der stumpfdreizackigen Lanze), das Stechen im hohen Zeug und im
      geschlossenen Sattel, und noch anderes mehr. Nur so viel sei gesagt. Bei
      dem "gemeinen deutschen Stechen" handelte es sich schlechtweg darum, den
      Gegner aus dem Sattel zu werfen; das "Krönlein" ist die hauptsächlich
      deutsche Turnierlanze. Bei dem Scharfrennen kam es darauf an, daß von der
      diesmal spitzen Lanze die Tartsche richtig gefaßt wurde und der Reiter zu
      Boden stürzte. Das Scharfrennen steht also in der Mitte zwischen dem
      Stechen und dem Rennen, da es bei letzterem auf das Wegstechen des
      Schildes ankam. Das Geschiftrennen ist wieder eine Abart hiervon, da es
      die Tartsche oder auch den kleinen runden Schild so treffen mußte, daß
      gewisse Teile davon absprangen.
      Auch wenn eine Reihe von Tagen mit Einzelrennen und Einzelstechen
      verbracht wurde, so wurden doch diese Tjoste als Wettspiel schon ernsthaft
      genommen und waren keineswegs bloß ein Vorüben oder Trainieren. Man muß
      die große Anzahl von turnierfähigen Rittern veranschlagen, die sich zu
      solchen Gelegenheiten einstellte und dem Einzelnen keineswegs möglich
      machte, allzu häufig in den Schranken zu erscheinen. So wird, um nur eine
      Ziffer herauszugreifen, die Zahl der zu dem stattlichen Heidelberger
      Turnier vom 18. August 1482 anwesenden "Helme" auf 520 angegeben, Fürsten,
      Grafen, Freiherren, Ritter und Edelknechte; und die Angaben dieser Art
      sind zuverlässig, weil die Meldung und Prüfung der sich zum Kampf
      Stellenden genau innegehalten wurde. Seinen Abschluß aber und Höhepunkt
      fand das Fest mit dem Tage des feldmäßigen gewesenen, nun stilisierten
      Massenturniers.
      Zwar auch dieser Tag ließ voraufgehende Einzeltjoste unter den Augen der
      ganzen festlichen Versammlung zu, die Hauptsache war aber die Darstellung
      eines wirklichen Reitergefechts, eines Feldstechens oder Feldscharmützels.
      Mit allem Prunk rtschienen die Herren und Ritter, mit blanker Rüstung,
      farbigem Helmschmuck, mit den buntgestreiften oder mit Mustern
      ornamentierten Decken über der Rüstung der Pferde, die sich gegen
      Maximilians Zeit hin immer mehr vervollständigte. Die Farben der
      Pferdedecken entsprachen wohl zuweilen, aber nicht immer den
      Wappentinkturen der Familie des Reiters. Hier hatte der einzelne Herr,
      ähnlich wie es bei den modernen Farben seiner Jockeis der Fall ist,
      Spielraum, die Farben und Abzeichen selber zu wählen. Wir erkennen, daß
      man gerne auf hellere, freudigere und grellere Farbe bedacht war, als die
      Wappen sie hergaben, und daß man allerhand Symbolik trieb. Namentlich
      begegnen als Schmuckmotiv ein und derselbe immer wiederholte, oder auch
      zwei abwechselnde Buchstaben auf den Decken, was offenbar auf Wahlsprüche
      und Wappendevisen zu deuten ist. Wie nirgends, wurde gerade beim
      Deckenschmuck nicht gespart; die besten Künstler der maximilianischen
      Zeit, darunter Burgkmair und Cranach, sind zum Entwurf solcher Bilder
      zugezogen worden. Da erblicken wir über den Weichen des Rosses einen
      zierlichen Amor in das Tuch oder die Seide eingewirkt, ganz so gefesselt,
      wie sonst die Gemälde zahllos den heiligen Sebatian darstellen, oder wir
      finden das Bild einer Frau mit der bekannten thüringisch-hessischen
      Rückenkiepe. Andere wählen Darstellungen aus dem Turnierwesen selbst; die
      einen entfalten Humor und setzen zum Abzeichen ihren Amor wieder auf ein
      Steckenpferd. an der Lanze, womit er anreitet, flattert vorne eine
      Papierwindmühle, wie sie sich Kinder machen; wieder andere kokettierenmit
      Herzen und ähnlichen Anspielungen eines sentimentaleren Gemüts. Eine Zeit,
      der die Ritterspiele noch immer die höchste Augenweide blieben, hat aus
      dem lebendigen Humor heraus, der sie zu den Tagen Maximilians noch
      allgemein durchdrang, die Turniere selber schalkhaft parodiert, und durch
      derlei entschädigten sich auch die nichtadeligen Kreise. So gibt es
      hübsche Malereien und Tischen und Truhen, wo auf der einen Seite die
      Ritter in aller Zier und Feierlichkeit tjostieren und auf der anderen die
      Bauern mit Harken gegeneinanderreiten, oder wo Wäscherinnen auf einer
      runden Tonne im Boot sitzend, mit Waschkorbschildern und Besenstielen,
      vorn mit einem Scheiben-"Krönlein" daran, gegeneinanderfahren, während der
      Krojierer am Steuer sitzt und sich schon auf die umpurzelnde Tonne freut.
      Aus der zum Feldscharmützel antretenden schar, um dahin zurückzukehren,
      wurden nach betroffener genauer Vorausbestimmung zwei Parteien unter ihren
      "Hauptleuten" gebildet. ein geflochtener Zaun umgab das Kampfgelände;
      hinter ihm drängelte sich das geringe Volk, wovon wir noch den Ausdruck
      Zaungast in Pflege haben; in anderen Fällen richtete man fester gerammte
      Geländer und Balustraden auf. Die Damen und vornehmen Gäste saßen auf
      Tribünen. Außer den Marketenderbuden befanden sich solche Zelte in der
      Nähe, wo die Kämpfer bandagiert und gewappnet wurden.
      Ganz wie im Kriege brachen dann die beiden Scharen durcheinander durch,
      und jeder suchte den Gegner, der ihm nach Maßgabe der Aufstellung in den
      Weg kam, aus dem Sattel zu stechen. Nach dem ersten Anreiten folgte, wie
      beim Errnstgefecht auch, die "Widerkêre", der nochmalige Durchbruch mit
      umgekehrter Front. Dieses Hin- und Widerreiten wurde nach Belieben
      wiederholt. Im Gegensatz zum Tjost war man übrigens bei diesem
      Massenreiten nicht gebunden, sich an einen bestimmten Gegner zu halten,
      sondern konnte Freunden zu Hilfe kommen. Außer den Dienern und den
      Hanswursten mir ihren bunten, schellenbenähten Trachten befanden sich
      innerhalb der Schranken am äußeren Kreise auch die Spielleute, und auf
      manchen Darstellungen zeigen sie sich, um der Stattlichkeit willen sogar
      beritten gemacht, mit ihren Pfeifen, Klarinetten, Trommeln und
      stickereibehangenen Trompeten.
      Mit dem Massen-Puneiz brauchte das Turnier keineswegs zu Ende zu sein.
      Wenn das Scheinbild des wirklichen Gefechts bis zu Ende abwickelt werden
      sollte, wurde es noch durch den Schwertkampf in Gruppen fortgesetzt.
      Natürlich wurde auch dieser turniermäßige Massenschwertkampf zu anderen
      Zeiten von einzelnen Paaren geübt. Da es nicht auf Verwundungen abgesehen
      war,. formte man die Schwerter zu kurzen, schweren und dumpfen
      Schlagwaffen um, durch die zuerst die Franzosen das gute scharfe
      Schlachtschwert eigens für den Turnierzweck ersetzt hatten, und
      schließlich war es die Konsequenz, daß man doch wieder zu den ältesten
      aller Waffen, den Kolben griff. Das besondere Ziel dieser Schwerter- oder
      Kolbengefechte war, dem Gegner die Helmzier wegzuschlagen. Die Helme waren
      hierbei andere, als der nur eine schmale Augenspalte übrig lassende
      Stechhelm; man mußte etwas ausgiebiger um sich sehen können, daher war für
      dieses Prügelturnier der Helm weit nach vorn vor den Augen ausgebogen und
      die Öffnung mit starken Spangen übergittert. Unglückfälle gab es in Menge;
      außer dem König II. von Frankreich, der durchs Auge gestoßen wurde, sind
      eine ganze Anzahl von fürstlichen Herren in solchen Reiterspielen getötet
      worden. Hieraus nahm die Kirche die Begründung zu Verboten der Turnieren,
      welche ihrer strengeren Auffassung, namentlich wie sie aufkamen, überhaupt
      als Betätigung der Weltlust sehr anstößig waren; sie ist sogar bis zur
      Verweigerung des ehrlichen christlichen Begräbnisses gegeangen. Aber noch
      niemals ist einem Modesport, der in Mut und Tapferkeit wurzelt und eben
      aus ihnen seine Lust erhöht, Einhalt getan worden durch de Hinweis auf
      Gefahr oder durch Verbote und angedrohte Strafen; solche Dinge leben sich
      nur aus sich selber zu Ende. – Trotz der guten Einübung der Ritter auf die
      ganz bestimmte, von der jedesmaligen Turnierart erforderte Stoßweise kamen
      natürlich zahlreiche Verfehlungen des Zieles vor, und dann hat nicht immer
      der eiserne Schutz seine Schuldigkeit getan. Es sind Ritter von den
      konischen Lanzenspitzen des Stechrennens durchbohrt worden, unter anderen
      wurde ein Landgraf von Thüringen in den Unterleib gestoßen; viele sind,
      obwohl man in den Städten das etwa schon vorhandene Pflaster des zum
      Turnierplatz umgewandelten Marktes dick mit Strohmist belegte, durch den
      schwer niederprasselnden Fall in der steifen Rüstung oder durch Sturz mit
      dem Rosse und dessen Überschlagung zu Schaden gekommen; andere sind in der
      engen Hitze der unbeweglichen Polsterung und Panzerung erstickt oder vom
      Schlage getroffen worden. In einem einzigen Turnier zu Neuß sollen sechzig
      – wenn man auf die weitergehende Angabe hundert verzichtet – ritterliche
      Herren umgekommen sein. Die Zahl der Todesfälle im ganzen ist
      außerordentlich hoch, und wie ein Chronist sich ausdrückt, umkreisten die
      lüsternen höllischen Geister, die mit den beichtlosen Seelen dahinfuhren,
      wie Geier und Raben die Plätze der Turniere.
      Das vorhin erwähnte Fest bei Augsburg von 1530, dessen Schilderung Hans
      Tirol in Holzschnitt gegeben hat, war ein großes Feldscharmützel, ein
      Stechrennen mit deutschen Krönlein, dem ein Schwerterkampf nachfolgte.
      Außer den Vornehmen und ihrem ritterlichen Gefolge, gutenteils Spaniern,
      Italienern und Burgundern, die der fremdländische Kaiser auch gern in
      Deutschland um sich hatte, war die neue Truppe, die wirklich maßgebende
      Waffengattung der Zeit, durch Landsknechtsfähnlein vertreten, und zum
      Salutschießen waren Geschütze herbeigeführt. Zahllos waren Bürger,
      Gewerbetreibende, neugieriges Volk herzugeströmt; verschiedentliche
      lebendige Kuriositäten waren zu der großen Schaustellung mitgebracht
      worden. König Ferdinands Hofzwerg ritt auf einem Kamel; an anderer Stelle
      sah man den langen Bauer von Salzburg, der im Stehen so groß war wie ein
      Reiter, und neben ihm war der besseren Wirkung wegen der Nickel aus der
      Pfalz zu Augsburg aufgestellt, ein mit Turban und Krumnmsäbel türkisch
      herausgeputzter Zwerg.
      Die beiden jungen Majestäten machten selber in den Rotten oder Geschwadern
      des Feldscharmützels mit. Der Kaiser rannte hierbei gegen den Grafen von
      La Mirandola; der König, der gegen den Don Diego Vaco stach, stürzte mit
      dem Pferd, und der Markgraf von Brandenburg kam ihm zu Hilfe. Zum Schluß
      folgte auf das mehrmals wiederholte Stechreiten ein hitziges
      Schwertgefecht, bis endlich nach zweistündiger Dauer einschließlich der
      notwendigen Ordnungspausen, das Ganz durch die unteren
      Überwachungsbeamten, die Grieswärtel, geschieden und in gewohnter Weise
      mit Trompeten abgeblasen, auch zum andernmal das Geschütz gelöst wurde.
      Nach dem Turnier zog man nach Augsburg zurück, wo die vornehmsten
      Teilnehmer Mahlzeit hielten, die nach welscher Manier geordnet war. Zum
      allerletzten Ende wurde die "Tantzfreude fürgenommen", nach höflichem
      Gebrauch und mit gebührlichem Gepränge, bei fast großem Gedränge des
      zusehenden Volkes.
      Die Opfer dieses Turniertages bei Augsburg hielten sich in bescheidenen
      Grenzen. Einer ward unter dem Scharmützel erschlagen, bei den Salven der
      Landsknechte schoß einer den anderen aus Versehen durch den Kopf, ein
      Büchsenmacher kam durch unvorsichtiges Laden des Geschützes um, noch einer
      ward vom Geschütz tödlich verwundet, ein zuguckender Bauer fiel vom Baum
      und blieb tot, "also daß bei fünf oder sechs Personen die Schuld der Natur
      bezahlt haben, dero Seelen Gott gnädig sein wolle".
      Jahrhundertelang hat das Turnierwesen die über den Werktag hinausgehenden
      Lebensgedanken der vornehmeren und ritterlichen Welt erfüllt, auch wohl
      ausgefüllt. Und zwischen aller Mühseligkeit und Verschuldung hat man dafür
      die Mittel aufzubringen gewußt, wie das ja bei allen sogenannten
      Standespflichten immer der Fall ist. Was der bekannte Ulrich von
      Lichtenstein als Schlußmotto eines Friesacher Turnier von 1224
      hinzugefügt: da mußten sie zu den Juden fahren, das gilt auch von großen
      Herren, welche die späteren Turniere veranstalteten, und von vielen, die
      sich an ihnen beteiligten. Aber es ist ein kulturgeschichtliches Gesetz,
      daß einscheidenden Umwandlungen der sozialen, beruflichen und der
      Vermögensverhältnisse immer auch nach gewisser Zeit – wir müssen es
      heutzutage durch die Automobile mit Augen, Ohren und allen Sinnen
      wahrnehmen – die äußerliche Dokumentierung des eingetretenen Umschwungs
      nachfolgen muß, trotz allen sich dawider stemmenden und oft wirklich
      vornehmer empfindenden Gegenströungen. Noch im Jahrhundert der
      Landsknechte, im XVI., kamen die Turniere zu Ende. Dagegen gelangte nun
      der alte Buhurt nnoch wieder zu gewissen Ehren, in den Ringelrennen,
      Karussells und Reiterquadrillen der alten Stände, welche im höfischen
      Brauch wohl auch als Turniere fortbezeichnet wurden.
      Wohl das großartigste "Turnier" dieser Art, tatsächlich ein Ringelstechen,
      aber in Tracht und Schmuck des XVI. Jahrhunderts, wurde im August 1800 von
      dem schlesischen Adel bei dem Schlosse Fürstenstein, bei der alten Burg
      veranstaltet, als Friedrich Wilhelm III. mit der Königin Luise nach
      Schlesien kam, um an den großen Manövern bei Schweidnitz und Neiße
      teilzunehmen.
      Die in vier Geschwader (Quadrillen) geordneten Teilnehmer stachen nach auf
      der Stechbahn aufgerichteten Figuren, nämlich vier Römern, die den Ring in
      der Hand hielten, vier Bären, die ihn in der Nase trugen, und danach
      schlugen sie mit den Schwertern vier Mohren die Köpfe weg und nahmen vier
      hölzernen Jungfrauen, gleichfalls mit dem Schwertern, die Kränze weg. Als
      am Schluß der König und die Königin die Stechbahn zu Wagen verließen,
      bildeten die zu beiden Seiten haltenden Ritter das Festes mit ihren
      schräge gehaltenen Lanzen einen Baldachin über den hohen Gästen, und am
      Abend fand in dem illuminierten Schlosse ein Maskenball statt, zu welchem
      die Ritter auf besonderen Wunsch der Königin wieder in ihren prächtigen
      Köstümen erschienen. Ausführlich erzählt hiervon das von den
      reichsgräflich v. Hochbergschen (fürstlich Pleßschen) Besitzern der
      Herrschaft Fürstenstein angelegten Familienbuch, aus dem mir auf meine
      Bitte freundlichst eine Abschrift zur Verfügung gestellt wurde. Es hat
      einen eigenen Reiz, die Ranken altdeutscher Wendungen, nach denen man ,für
      die Ansprache der Bannerherren suchte, übergrünt zu sehen von der Sprache
      der jungen neuen Romantik jener Tage, und aus der schlichten, mehr
      aufzählenden Schilderung des Festes die huldigende Ehrerbietung vor der
      jungen Königin nachzuempfinden, einer so edlen und hodseligen, wie niemals
      eine den knieenden Siegern der alten Turniere den Preis aus ihrer Hand
      gespendet hatte.
      Quelle: Velhagen & Klasings Monatshefte 1906/07 von Sykr jadu 2002




© Copyright 2002 by JADU


Webmaster
 
 
   
Werbung  
  "  
Heute waren schon 1 Besucher (17 Hits) hier!
=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=